420 Kilometer Laufen in sechs Tagen

“Ließ man Dich wandern?”
“Dreimal von Westen nach Osten, um das Licht zu suchen.”
Lehrgespräche I

(goel, ad) Wenn sich zwei Läufer zu einem 6tägigen Lauf treffen, dabei kennen und schätzen lernen, zusammen 420km laufend durchleiden und triumphieren, sich für kurze Zeit aus den Augen verlieren und dann mit ersten Reflektionen über das Erlebte wiederfinden, dann ist das Zeichen dafür, etwas Besonderes erfahren zu haben, das zur weiteren Introversion einlädt, zum Nachdenken über das was war und Vorausschauen auf das, was künftig vielleicht neu und anders gesehen werden mag.

Es ist ein Paradoxon der Moderne, daß im heutigen Arbeits- und Lebenstempo Menschen innere Ruhe und Selbstreflektion im Tempo des Laufschritts über lange Distanzen suchen, gleich der Ruhe im Auge des Orkans, eine aktuelle Form der Pilgerschaft, der körperliche Weg auf ein reales Ziel hin, das doch erst in Harmonie mit dem Geistigen und Seelischen zu finden ist. Panta rhei, alles fließt, das gilt für die Spree wie für die Psyche des Läufers im Moment des Erlebens langer Strecken. Fluß und Läufer, beides in ständiger Bewegung, mal in ruhigerem Wasser, mal durch schnelle steile Abschnitte.

So soll dies keine Auflistung von Strapazen, Kilometermarkierungen oder Kalorienverbräuchen sein, sondern die subjektive, sehr persönliche, damit nicht-objektive, leicht angreifbare Schilderung zweier Läufer, die auf dem Weg von der Spreemündung zur Quelle mehr vorfanden als 420km Asphalt, Rad- und Fußwege. Gleich zwei Peripatetikern unterwegs durch Haine und Fluren, auf Uferwegen und durch Wälder öffneten die täglichen 8-11 Stunden der Einsamkeit durch die Elemente der Natur Geist und Seele; zwei Wanderer im Laufschritt, vom Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang.

Wie könnte ein Mann je Erfolg haben und Karriere machen, stärkte und stützte nicht seine Frau diesen Weg. Weit entfernt uns je beruflich mit dieser These der Emanzipationsbewegung auseinandersetzen zu müssen, erfuhren wir die wahre Bedeutung erst, als wir begannen uns auf die weiten Laufstrecken hinauszuwagen. Wir hätten keine Chance gehabt uns diesen Sommer erfolgreich auf den Spreelauf vorzubreiten, wären nicht unsere Frauen hinter uns gestanden und hätten uns (manchmal auch resignierend vor soviel Begeisterung) unserem Training überlassen. Ihnen sei dieses Erlebnis von Herzen gewidmet.

Als Weitläufer kommt man ja so nicht auf die Welt. Fleiß ist notwendig, einigermaßen Disziplin und der motivierte Antrieb fast jeden Tag zu laufen, langsam und natürlich, einem Ziel entgegen. Wir wissen um das unverdiente Privileg, das uns unsere Familien hier zugestehen. So gut es folglich geht, versuchen wir unser mehrstündiges Training am Tag an Zeitränder zu verlegen, die von Familienpflichten regelmäßig noch nicht belegt sind. Zur Routine muß es da an einigen Tagen in der Woche werden um 5:00Uhr morgens aufzustehen, um den Trainingslauf mit dem Weg zur Arbeit zu verknüpfen. Gegen Ende der Bürozeit sollte man sich telefonisch zuhause nach der momentanen Toleranz- und Akzeptanzatmosphäre erkundigen und ggf. unnachgiebig sanft Betteln oder Großzügiges versprechen, um sich von Sorgen befreit auf den Weg nach Hause machen zu können, wo wir erst in der Dämmerung ankommen. Nichts stört unser seelisches Gleichgewicht (neben dem Nicht-laufen-können) mehr als ein Konflikt mit unseren Lieben.

Es ist so, das ist eine unumwundene Tatsache, daß wir uns gar keine ausmalenden Gedanken über die nächstjährigen Läufe machen dürften (wollten wir nicht in einem Zug einmal nach Rom laufen?), wären da nicht unsere Birgit, die Töchter Teresa und Sarah, und Uschi mit Tochter Laura, dazu noch unsere vierbeinigen Familienmitglieder Lupine und Fina, die uns – zugegeben manchmal wiederstrebend – unsere Wege ziehen lassen.

Was wir da Verlangen ist uns schon bewußt, und die egomanische Einforderung an Familienzeit und materiellen Gütern zum Laufverbrauch wollen wir gar nicht bagatellisieren. Dies als Resümee, soweit. Bitte laßt uns Laufen... wir können nicht anders! Und wir lieben Euch dafür!

Es gehört schon eine gehörige Portion Idealismus und Passion dazu, ein solches Mammutunterfangen wie den Spreelauf zu organisieren. Ingo, danke, daß Du für uns den (ultralangen) Lauf durch die Bürokratie der Ämter und Behörden gemacht hast, die Lokalitäten, das Betreuerteam, die medizinischen Helfer, Verpflegungsstationen, Streckenmarkierer, Kuchen-in-Cottbus und alles weitere organisiert hast! Du hast uns Läufern ein einmaliges Erlebnis ermöglicht! Dank auch an Deine Frau Inge, die das alles mit Ihrer stoischen Ruhe erduldet und Dich nach Kräften, mal kopfschüttelnd und gleichzeitig bewundernd, dabei unterstützt hat. Danke den Helferinnen und Helfern, Streckenposten, den Streckenmarkieren, den Sponsoren für die großzügige Unterstützung, den Medien für die positive Berichterstattung, der Gemeinde Eibau und deren Ortsvorsteher, Herrn Frank Münnich für die Organisation des Spreequellfestes zu unserer Siegerehrung, unseren Vereinen LLC Regensburg und MRRC München für die Trainingsmöglichkeiten; Dank an Ute für Ihren Textbeitrag, und Danke an alle Mitläuferinnen und Mitläufer für die Unterstützung während und nach den einzelnen Etappen! 

Bergmatting & München, im November 2004

Gottfried Oel (goel)
Gottfried.Oel@medbo.de

Andreas Dörfler (ad)
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Spreelauf 2004